Schichtwechsel… - Big Brother auf der Autobahn
Als er am letzten Tag ihre noch immer düstere Wohnung verließ, drehte
er sich noch einmal um. Die Letzte der Schreibenden saß am Fenster
und schwenkte nachdenklich das Glas mit dem Rotwein, den er ihr
mitgebracht hatte. Ihre Intuition ließ sie auch diesmal nicht im
Stich. “Ja?” Sie drehte sich um.
“Darf ich es vielleicht doch aufschreiben? All das, was geschehen
ist? Wie die Allianz entstand? Wie der Befreiung die zweite Allianz
folgte? Alles, was Du mir erzählt hast? Die Menschen müssen es doch
wissen damit wir…” Er brach ab. “Du hast selbst gesagt, dass wir
die Vergangenheit kennen müssen um zu verhindern, dass sie sich
wiederholt.”
“Ach, naive Worte einer alten Frau.” sagte sie. “Sieh Dich doch
draußen um. Wie lange ist es her, dass die zweite Allianz gebrochen
wurde? Sechzig Jahre? Siebzig Jahre? Und sieh Dir an, was
mittlerweile geschieht.” Sie wies mit ihrer blassen rechten Hand nach
draußen, wo laute Rufe zu hören waren. “Sie wollen doch einen starken
Arm, wollen, dass es passiert. Gib Ihnen eine gute Erklärung als
Keks, am besten garniert mit etwas Sicherheit als Sahnetuff und schon
wirst Du bekommen, was Du willst. Das was ich einst wollte, ist nicht
mehr als ein Relikt wie ein Dinosaurierknochen von vor langer langer
Zeit.”
Er kam zu ihr zurück und schenkte ihr erneut Wein ein. “Dann war
alles umsonst?”
Sie nickte zu seinem Glas und er nahm sich ebenfalls Wein, sie
prosteten sich zu.
“Umsonst? Nein, das denke ich nicht.” Sie nahm seine Hand. “Dort
draußen, da wünscht man sich einfach Sicherheit. Sicherheit und
Beständigkeit und Zufriedenheit. Wie diese funktioniert ist egal. Es
ist eigentlich eine Schande, dass unsere “hochzivilisierte” Welt noch
nicht bis zur Entkorkung fortgeschritten ist. Aus einem Trümmerhaufen
wurden wieder Länder, wurde wieder Leben. Aber die Menschen wollen
nicht mit dem Negativen auf der Welt leben. Wird ein Auto gestohlen,
so will man mehr Kameras und am besten Selbstschussanlagen, stiehlt
jemand überhaupt, so am besten lebenslang ins Gefängnis mit ihm, die
Hässlichen und Kranken am besten außer Sichtweite und das Abnorme zur
Behandlung in die Psychiatrie. Und weil man sich ungern selbst die
Hände beschmutzt, mit denen man isst, ruft man nach dem Ausführenden.
Und nach denen, die die Urteilssprüche sprechen, die man selbst lang
sprach. Und nach denen, die die Gesetze für uns machen damit wir
selbst keine Eigenständigkeit lernen. Und so geht es weiter. So wie
Du heute den Begriff “Privatsphäre” nur noch als
“öffentlichkeitsverweigerung” kennst, wie “Datenschutz” für Dich nur
noch als “Täterschutz” oder “Unschuldsbezeugungsverweigerung” kennst,
wird es weitergehen. Krieg ist Präventivvorgehen, Kameraüberwachung
ist Sicherheitsempfindenssteigerung…” Sie stellte ihr Weinglas ab,
noch immer hielt sie seine Hand.
“Aber umsonst?” Sie schüttelte den Kopf. “Ich wollte nie die Letzte
der Schreibenden sein. Ich wollte sterben wie jeder, aber sie hatten
andere Pläne mit mir. Ich sollte überleben, sollte berichten können.
Ich wurde nicht gefragt.” Jetzt endlich enthüllte sie ihr Geheimnis.
“Aber ich bin trotz allem einsam. Und vielleicht sterbe ich wirklich
bald. Endlich.” Sie umarmte ihn und er fühlte ihre Tränen.
“Aufschreiben ist sinnlos wenn niemand liest und denkt. Warum lesen
und denken wenn es andere für einen tun? Es gibt Leseautomaten und
die großen EntertainoDrome. Das ist doch die Hauptsache.”
Zwei Tage nachdem er sie verlassen hatte, geschah das große Attentat.
Das erste nach der Zerschlagung der zweiten Allianz. Während einige
ewig Gestrige noch zur Besonnenheit aufriefen, war die Mehrheit der
Menschheit, betroffen, weinend, wütend, sich einig, dass man nun mit
aller Stärke endlich neue Regeln verabschieden müsste. Die Regierung
hatte aus der Zeit der Allianz gelernt und so blieb man besonnen,
gegen den Willen des Volkes. Bereits vier Tage später kam durch einen
Staatsstreich die Anti-Attentat-Fraktion an die Macht und
verabschiedete das neue Sicherheitsgesetz.
Im Jahre 2101 wurde die dritte große Allianz gegründet, nur eine
Woche nach dem großen Attentat. In einer Art morbiden Endzeitstimmung
ging Florian zu der Letzten der Schreibenden. Nachdem sie gemeinsam
ihren Rotwein genossen hatten, ging sie ins Badezimmer. Nach einer
halben Stunde öffnete er die Tür und schloss sie wieder. Er öffnete
die zweite mitgebrachte Rotweinflasche, schenkte sich ein Glas ein
und sah zum Fenster hinaus. Dort draußen wurden gerade die neuen
Kameras installiert. Er hob sein Glas und lächelte. Seine Schuhe
hinterließen rote Abdrücke auf dem Teppich. Er freute sich, dass er
sie hatte zu einem grauen Teppich überreden können, so würde er sich
beim Anblick der Abdrücke jeden Tag an sie erinnern können. Jetzt war
er der Letzte der Schreibenden.
März 11th, 2008 at 00:01
[…] anzumerken daß ich daraus was lernen kann. > Seiten hätten endlich mal was dazu lernen können. Es war DIE Chance von der Stasi das Bespitzeln zum Beispiel > für uns alle und prompt muß sie von […]
März 11th, 2008 at 12:01
[…] Windeln etc. und entrichtet nur einen monatlichen Pauschalbetrag ans Heim (man könnte auch eine Nachwuchssteuer ins Auge fassen) 3. wenn das Kind alt genug ist, geht es zur Kinderkrippe 4. Kindergarten 5. Heim […]
März 28th, 2008 at 13:00
[…] autobahn/ f l o h schrieb am 23. Juli 2002 15:11 > > > > unforgiven schrieb am 23. Juli 2002 14:58 > > > > > / f l o h schrieb am 23. Juli 2002 14:53 > > > > > > unforgiven schrieb am 23. Juli 2002 14:46 > > […] > > > > Ja claro: Ganz umsonst krieg’ ich in so einer dritten Spur dann noch > > > einen höheren Adrenalinspiegel mitgeliefert, wegen der ständig > > > erforderlichen Aufmerksamkeit, falls derjenige [5 Meter] vor Dir > > > bremst! > > > Ja das ist die gute Manier des Anstellens. Wer weiß vielleicht gibt > > es vorne einen Kaffee-Automaten, man kann nie wissen was das Leben > > bringt also stellen wir uns mal hinten an ;-)) > > Siehe oben: Bei _dem_ resultierenden Hormonpegel _brauchst_ du > eigentlich keinen Kaffee mehr. Außerdem hab’ ich ihn meistens auf dem > Beifahrersitz dabei. Gut vielleicht ist ja auch ein Schluck Öl für Deinen Wagen sicher ist sicher und erst wenn ich daheim bin weis ich, ob es nun was umsonst gab oder nicht… > Gibt sicher netter aussehende Begleitung, hält aber auch wach :^) Ja durchaus aber der Nutzen ist weit höher da geb ich Dir recht :o) > > […]